Skyfarming: Reisanbau im 27. Stockwerk

Der Bauer der Zukunft geht nicht mehr zu Fuß in den Stall und fährt auch nicht mehr mit dem Traktor, um seine Felder zu bestellen. Der Bauer der Zukunft hat höhere Ziele: der Aufzug bringt ihn beispielsweise in den 20. Stock, um dort nach dem Salat zu sehen. Wenn das erledigt ist, befördert ihn der Lift in das 27. Stockwerk – das ist nämlich die Etage, wo der Reis wächst…

Mitten in der Stadt stehen riesige Türme, in denen die Anbauflächen mehrfach übereinander gestapelt sind. “Skyfarming” oder vertikale Landwirtschaft nennt sich das, wenn die Gewächshäuser aufeinandergetürmt werden und ist eine mögliche Antwort auf die Frage, wie wir in Zukunft landwirtschaftliche Güter auf engem Raum produzieren.

Bewegliche Pflanzenmodule


Visionäre Landwirtschaft

Das ist heute natürlich alles noch Zukunftsmusik. Dabei soll es aber nicht bleiben. Zumindest wenn es nach den Agrarwissenschaftlern der Universität Hohenheim geht. Denn dort tüfteln Prof. Dr. Joachim Sauerborn und sein Kollege Prof. Dr. Folkard Asch am Projekt “Skyfarming”.

Die Argumente dafür, dass neue Konzept der Raumnutzung und landwirtschaftlichen Nahrungsmittelproduktion dringend erforderlich sind, liegen auf der Hand. Bei weiterem Wachstum der Weltbevölkerung wird (bei gleichbleibendem Ertrag) in absehbarer Zeit kaum mehr genug Ackerfläche zur Verfügung stehen, um die Ernährung sicherzustellen. Eine denkbare Lösung wäre der Anbau in mehreren Etagen, also “Skyfarming”.

Die Idee, dass sich Bauernhöfe und Agrarflächen also nicht weiter in die Breite ausdehnen, sondern einfach gestapelt werden, hat aber noch weitere Vorteile. Vor allem in den Ballungsräumen und Megastädten sind die Transportwege (und die dabei verbrauchte Energie) heute schon kaum mehr verhältnismäßig. Wie viel eleganter wäre es, den Salat, die Tomaten, Gurken und Radieschen einfach mitten in der Stadt anzubauen?

Vertikale Landwirtschaft: Alles unter Kontrolle

Das Konzept punktet aber noch mit weiteren Aspekten: in den Gewächshaus-Etagen wachsen die Pflanzen unter optimal kontrollierten Bedingungen: Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Nährstoffkonzentration im Substrat etc. – all diese Faktoren sollen und können in der High-Tech-Skyfarm ganz genau auf die Bedürfnisse der einzelnen Pflanzenarten eingestellt werden. Ernteverluste durch Dürren oder andere Extremwetterereignisse gehören damit der Vergangenheit an.

Die Hohenheimer Agrarwissenschaftler stehen freilich noch relativ am Anfang ihres Konzepts. Bislang haben sie ihr Modell v.a. für den Reisanbau durchdacht. Der Reis soll dabei quasi auf Fließbändern je nach Wachstumsfortschritt durch verschiedene Zonen im Gewächs-Hochhaus transportiert werden. Die optimale Beleuchtung stellen LEDs zur Verfügung und die Nährstoffe werden dabei nicht mehr über die Erde, sondern einen Nährstoffnebel an die Reispflanzen gebracht.

Auf den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden wird man – so die Hoffnung der Forscher – weitgehend verzichten können, da ja Störeinflüsse, Zuflug von unerwünschten Samen etc. weitgehend ausgeschlossen werden können. Das ist also ein weiterer Vorteil.

Herausforderungen

So faszinierend die Idee einer platzsparenden, gestapelten Landwirtschaft mitten in der Stadt auch ist – der Teufel steckt natürlich auch hier im Detail. Die Energieversorgung ist so ein Aspekt, für den es noch keine überzeugende Antwort gibt. Denn auch wenn das Hochhaus mit Solarmodulen bestückt ist – der Energiebedarf für so eine hochautomatisiertes Supergewächshaus mit mehreren Stockwerken ist damit lange nicht gedeckt.

Ein anderes Problem betrifft Bakterien und Viren (die in einem solchen feuchten und geschlossenen System auch ideale Bedingungen vorfinden). Aber es ist ja noch Zeit, um auch dafür Lösungen zu finden.

In der Ausstellung ist ein Modell einer solchen Skyfarm für den Reisanbau im Maßstab 1:333 zu sehen.



Details und Hintergründe gibt es in folgendem Journalartikel:

  • Jörn Germer, Joachim Sauerborn, Folkard Asch, Jan de Boer, Jürgen Schreiber, Gerd Weber und Joachim Müller: Skyfarming an ecological innovation to enhance global food security, Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Volume 6, Number 2 (2011), 237-251, DOI: 10.1007/s00003-011-0691-6. (Download als PDF)